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Lesbos

Gewichtstandard, Nominalsystem, Chronologie

Die Münzprägung der Insel Lesbos nimmt innerhalb der griechischen Welt eine Sonderstellung ein. Lesbos blieb - ebenso wie Phokaia und Kyzikos - bei dem Elektron als Münzmetall und prägte davon im wesentlichen nur 1/6-Statere (Hekten). Die Hekten tragen - von wenigen Ausnahmen abgesehen  - keine Legende und - im Gegensatz zu Kyzikos und Phokaia - auch kein Stadtsymbol. Die wechselnden Münzbilder beziehen sich nicht auf die Stadt, sondern eher auf den jeweiligen für die Prägung verantwortlichen Beamten. Als Hauptmünzstätte der Hekten wird Mytilene angesehen, aber auch Methymna und - in geringem Umfang auch andere Städte auf Lesbos - prägten Münzen, allerdings nur Silber-und Bronzemünzen. In einer, bisher nicht bekannten Prägestätten auf Lesbos wurden auch Münzen aus einer Mischung von Silber und Bronze (Billon) geprägt, die u.a. auch ausdrücklich im Namen "der Lesbier" ausgegeben wurden. Das Umlaufgebiet der Elektron-Hekten ging über die Insel von Lesbos hinaus. Denn Lesbos hatte mit Phokaia eine Münzvertrag abgeschlossen, der auf einer um 400 v. Chr. errichteten Stele überliefert, aber vermutlich schon Anfang des 5. Jh. v. Chr. vereinbart worden ist. Dieser Vertrag sah Strafverfahren bei absichtlich verschlechterter Legierung und eine Jahr für Jahr wechselnde Prägung vor.  Daraus ergibt sich mittelbar, daß das Währungsmetall nicht aus natürlich gewonnenem, sondern aus künstlich hergestelltem Elektron bestand.  Lesbos emittierte 1/6 Statere, unabhängig von den wechselnden politischen Rahmenbedingungen, in den Jahren von ca. 521 bis 326 v. Chr., bewahrte also seine Münz-Autonomie unter persicher, athenischer, spartanischer und zuletzt makedonischer Herrschaft. Den Hekten lag der phokaische Standard eines Staters von ca. 16 g zugrunde. Die Hekte hat damit eine Sollgewicht ca. 2.55 g . Die Schrötlinge  wurden vor der Prägung einzeln ( al pezzo) gewogen, so daß sich die Hekten durch eine  hohe Genauigkeit des Gewichts auszeichnen. Auch der Goldgehalt der Münzen von ca. 40% wurde über die 200jährige Prägezeit bei geringen Schwankungen eingehalten. Unternominale wurden nicht ausgegeben, so daß sich im Rahmen der Elektron-Münzen die Frage nach dem Nominalsystem nicht stellt. Anders ist es mit den in Methymna und Mytilne ausgegebenen Silbermünzen im Wert von Drachme, Diobol, Trihemiobol, Obol und Hemiobol. Möglicherweise wurden die Hekten nach ihrem Metallwert in Silber umgerechnet, wie dies auch nach den Inschriften von Athen, Delos und Delphi mit den Hekten von Kyzikos geschah.  Danach könnte eine Elektron-Hekte den Wert einer Silbermünze von ca 15-16 g gehabt haben. Sie wurde im Ausland - wie die Hekten von Kyzikos und Phokaia - mit dem Wert  einer Tetradrachme attisch-euböischen Standards gehandelt.  Die Chronologie der Münzprägung  kann aus den Funden, dem Wechsel der Jahresbeamten, den sich in den Münzbildern widerspiegelden historischen Ereignissen, der parallelen Entwicklung in Phokaia und der stilistischen Entwicklung erschlossen werden. Nach der Gestaltung der Rückseiten  vom Incusum zum Lilienquadrat kann der Prägeablauf in Perioden gegliedert werden. Ingesamt erfaßt der Stempelcorpus "Die Elektronmünzen von Phokaia und Mytilene" von F. Bodenstedt 113 Emissionen, die aus 448 Vs.- und 522 Rs.-Stempeln geprägt wurden. Der der Schwerpunkt der Emissionen lag in den Jahren von 521 bis 478 v.Chr. und von 377 bis 326 v. Chr. . Literatur: F. Bodenstedt, Die Elektronmünzen von Phokaia und Mytilene, Tübingen,1981; J.R.M. Jones, Testimonia Numeria, Vol.I London 1993,Vol. II London 2007,Nr.136,157, 201,362 und 363. O.D.Hoover, The Handbook of Greek Coinage Steries, Volume 6, Coins of the Islands, Lancaster/London 2010,S.212-252; K. Konuk/C. Lorber, White Gold: An Introduction to Electrum Coinage, Jerusalem 2012, 13-33.

O.D.Hoover, The Handbook of Greek Coinage Steries, Volume 6, Coins of the Islands, Lancaster/London 2010,S.212-252