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Ionien

Die "Erfindung der Münze" in Kleinasien: Gewicht- und Nominalsystem, Chronologie

Elektronmünzen aus Kleinasien stehen zwar am Anfang der Münzgeschichte, ihnen gingen allerdings über Jahrhunderte die Nutzung von Gold und Silber als Wertmaßstab und der Handel auf der Basis von Hacksilber voraus ( J.H. Kroll, The monetary Background of early Coinage, in W.E. Metcalf, The Oxford Handbook of Greek and Roman Coinage, 2012,33-42; M.S. Balmuth(ed.), Hacksilber to Coinage, New York 2001; G. Le Rider, La naissance de la monnaie. Paris 2001; vgl. Inventarnummer G.59.16). Herodot I 94 berichtet, daß "sie (die Lyder) die ersten Menschen waren, von denen wir wissen, daß sie Gold- und Silbermünzen geprägt und verwendet haben".Wissenschaftlich faßbar waren sie erstmals durch den Fund von 93 Münzen bei den Ausgrabungen im Artemis-Tempel von Ephesos (St. Karwiese, Die Münzprägung von Ephesos Bd.I, Wien 1995, S. 118 ff).  Die neueren Ausgrabungen in Sardes erwiesen, daß die Lyder technisch in der Lage waren, Gold und Silber zu trennen (A. Ramage/P. Craddock, Kings Croesus`s Gold, London 2003). Die frühere Annahme, es handele sich bei dem Elektron um eine natürliche Mischung des aus dem Fluß Paktolos gewonnenen Goldes, wurde in Metallanalysen nicht bestätigt, bei denen der Goldgehalt der Münzen mit rd. 50 % geringer als im Flußgold (rd. 75 %) war. Die Elektronmünzen wurden auf der Basis des lydisch-milesischen (Stater à 14.3 g), des phokäischen (Stater à 16.5 g) oder des samischen ( Stater a 17.3 g) Münzfusses mit Teilwerten nach dem Duodezimalsystem ( 1/2, 1/3; 1/6; 1/12,; 1/24, 1/48 Stater) ausgegeben ( H.A. Cahn, Knidos,Berlin, 1970,S.178-195).- Der Beginn der Münzgeschichte ist durch eine erstaunliche Vielfalt an Emittenten, Typen und Nominalen gekennzeichnet (L. Weidauer, Probleme der frühen Elektronprägung, Fribourg, 1976; K.Konuk/C. Lorber, White Gold - an Introduction to Electrum Coinage, Jerusalem 2012,13-33).Es lassen sich 3 Gruppe von Münzen unterscheiden: solche mit flacher, abgerundeter Oberfläche, solche mit abstrakten Streifen und solche mit bestimmten Bildern, wie Löwe, Hahn oder Robbe, zu letzteren können auch solche mit Legenden, wie "Phanes","Walwet" oder "Kakulim" gezählt werden. Die Punzen auf der Rückseite. wurden einzeln gesetzt und unterscheiden sich in ihrer Größe und Zahl. Neuere Untersuchungen haben ergeben, daß Punzen auf Münzen, die man früher unterschiedlichen Emittenten und Zeiten zugewiesen hatte, identisch sind. Die frühere Annahme, daß sich die Entstehungsgeschichte der Münze über viele Jahrzehnte - von den abgerundeten, flachen zu den Münzen mit abstrakten Streifen sowie schließlich zu denen mit Bildern und Legenden - erstreckte, könnte sich damit als nicht richtig erweisen. Im Gegensteil spricht dieses für eine zeitliche Konzentration und legt den Gedanken an eine zentrale Münzstätte nahe, so daß sogar  eine Münzunion unter Beteiligung des lydischen Königs und der griechischen Küstenstädte als möglich erscheint ( G. Le Rider, La naissance de la monnaie. Paris 2001,S.41 ff). Die Ergebnisse der Ausgrabungen am Artemision von Ephesos wurden allerdings unterschiedlich interpretiert, so daß die "Erfindung" der Münze in der Literatur in die Zeit zwischen 590-560 v. Chr., jetzt - nach erneuten Ausgrabungen und deren Vergleich mit den Aufnahmen der ersten Ausgrabungen um 1895  - in die Zeit des Naos 2(640-620 v. Chr.) datiert wird ( K. Konuk, Asia Minor to Ionian Revolt, in W.E. Metcalf,The Oxford Handbook of Greek and Roman Coinage,Oxford 2012,43-60; H. Nicolet-Pierre, Numismatique grecque,Paris 2002, 109-127). Schon Kroisos (560-546 v. Chr.) ging zu der Prägung von Gold- und Silbermünzen über. Die ionischen Städte Kleinasiens schlossen sich dieser Entwicklung an: nur Phokaia,Mytilene und Kyzikos blieben beim Elektron, während Ephesos, Klazomenai, Erythrae, Teos, Milet, Colophon, Chios und Samos Silbermünzen, und zwar vielfach nur kleine Nominale ausgaben (K. Konuk, Asia Minor to the Ionian Revolt, in W.E. Metcalf, The Oxford Handbook of Greek and Roman Coinage, Oxford 2012, S.43-60).